Ursprünglich sollten
offenbar ein anderes Objekt angegriffen werden. Zwei der drei
verfügbaren Kriegstagebücher nennen die Ölraffinerie von Ostermoor
als "primary target", das dritte die Ölraffinerie in
Hannover-Misburg, ein außerordentlich beliebtes
Angriffsziel der Alliierten. Wegen schlechter Sicht mussten die
Piloten - darin sind sie sich einig - aber auf das
"secondary target" ausweichen, welches in diesem Falle die
Kanalschleusen von Brunsbüttelkoog waren. Die Bomber
griffen von Westen her an. Dies erscheint zumindest
merkwürdig, wenn die Flieger unverrichteter Dinge aus
Richtung Misburg (oder Osterburg In Sachsen-Anhalt) gekommen
wären. Daher nehme ich an, dass das nahe gelegene Ostermoor
tatsächlich das Primärziel war. So sah es wohl auch
der Lektor des Schmitt'schen Tagebuchs, der wahrscheinlich den
Einsatzplan der Einheit kannte und das dort genannte
ursprüngliche Ziel "Osterburg" in "Ostermoor" berichtigte.
Der Airforce-Soldat
John R. ("Dick") Johnson notierte in seinen Kriegserinnerungen: "Das primäre Ziel [laut Johnson
Hannover-Misburg] durch Wolken verdeckt. So nahmen
wir eine Kanalschleuse als Gelegenheitsziel ["target of
opportunity", BF], da man uns
erzählt hatte, dass jedes beliebige mit Transport in
Zusammenhang stehende Ziel ein gutes Ziel sei. Das Problem war, dass Dehn es
verfehlte – wie immer. Wieder einmal schlugen wir vor ihn
zu ersetzen, aber es nützte nichts".
An dem Angriff war
auch der Pilot Charles E. ("Chuck") Harris
beteiligt: "Die Mission
führte nach Norddeutschland, es sollte eine Raffinerie in
Ostermoor bombardiert werden, das Zweitziel waren die
Schleusen des Kiel-Kanals. Da das primäre Ziel durch
Wolken verdeckt war, griffen wir die Kanalschleusen an. Wir
trafen auf keine feindlichen Jagdflugzeuge ["enemy action", BF], und die Gruppe
kehrte ohne Verluste zurück."
Emmett P. Schmitt war Funker und Kanonier auf der "Fever Beaver", 351. Schwadron, Pilot James Ransom. Aus Schmitts Bericht: "Starteten um 5:00, um eine Ölraffinerie in Osterburg [Kommentar des Lektors: "richtig: Ostermoor"], Deutschland, zu bombardieren, bombardierten stattdessen das Sekundärziel, welches nur einige wenige Meilen vom Primärziel entfernt war. Traf einige Lagerhäuser in Brunsbüttelkoog ….. Gerieten in sehr schweres FLAK-Feuer aus dem Zielgebiet ….. wir bekamen ein langes, schartiges Loch im rechten Flügel und zwei auf der rechten Seite beim Sitz des Kopiloten. Der Kopilot wurde im Oberschenkel von einem Flaksplitter getroffen. Er zog ihn selbst raus und hatte nur eine kleine 1/2-zöllige dreieckige Wunde. Wir wurden von P-47 and P-38 Jagdflugzeugen eskortiert. Höhe 22000 Fuß. Eine Maschine ging über der Nordsee runter [Kommentar auf der Webseite: Gehörte nicht zur 100th BG], neun Mann sprangen ab. Mindestens drei Maschinen brachen die Mission ab, weil sie Verwundete an Bord hatten. …"
Wie
ein unmittelbar während des Angriffs aufgenommenes Bild
deutlich zeigt, schlugen zwar viele Bomben unweit der Schleusen
ein (aus rechtlichen Gründen darf ich es leider nicht auf
dieser Webseite präsentieren), jedoch hielten sich die
Beschädigungen an ihnen in Grenzen. Zahlreiche Bomben
gingen südöstlich von Westerbüttel in der Gegend
um die Justus-von-Liebig-Straße und in der Nähe des
heutigen Freibades Ulitzhörn nieder.
Der
Angriff vom 20.6.1944
Der Angriff vom Sonntag war alles in allem ein Fehlschlag. Nur
zwei Tage später, am Dienstag, den 20.6.1944, griffen die
Amerikaner die MAWAG und die Schleusen deshalb ein zweites Mal
an. An diesem Tag brachte die 8th Air Force insgesamt über
1548 Bomber
vom Typ B-17 und B-24 auf den Weg, um Ziele in Norddeutschland
und V-Waffen-Abschussanlagen in Frankreich zu zerstören.
Dabei gingen immerhin 49 Maschinen verloren.
Diesmal griffen 71 B-24 Liberators die MAWAG in Ostermoor und zeitgleich 12 B-17 Flying Fortresses die Brunsbüttelkooger Schleusen an. Am Angriff auf Ostermoor waren Bomber von mindestens drei Einheiten beteiligt, nämlich die 466th B.G., 467th B.G. und 458th B.G.
Es
sollten wohl ursprünglich 72 Bomber Ostermoor anfliegen.
Der 72. Bomber ("Patchie") wurde von L.M. Warner pilotiert. Warner
berichtet, dass er wegen ausgefallener Motoren umkehren und die
Bomben über der Nordsee abwerfen musste.
An dem Angriff auf Ostermoor nahm auch die "Witchcraft" teil. Diese Maschine der467th B.G. ist legendär, weil sie 130 Missionen ohne jegliche Verluste flog.
Die Bomber wurden von P38-, P47- und P51-Jagdflugzeugen eskortiert, die sich offenbar aber in einiger Entfernung aufhielten.