Die Mühlengeschichte Ostermoors


Die frühen Müller

Der erste, allerdings vage Hinweis auf die Existenz einer Mühle in der Bauerschaft Ostermoor stammt aus der Zeit um 1300. In den Verträgen von 1308 und 1316 wird ein Seeräuber namens Ameke Mul bzw. Mule aufgeführt. Wenn man nun annimmt, dass mit Mul/Mule eine Mühle gemeint war (und kein Maul oder ein Muli) und Ameke Mule wirklich auf den Groven vor dem Ostermoor lebte, wie Lippert (1962) vermutete, dürfte er Müller gewesen sein – oder er lebte zumindest bei einer Mühle.

Eine Mühle setzt den Anbau von Korn voraus. Dieser war nur möglich, wenn Deiche die Äcker im Frühjahr und Sommer vor Hochwasser schützten. Die Bauerschaft Ostermoor besaß demnach um 1300 Deiche.

Der erste uns namentlich bekannte Ostermoorer Müller lebte um die Zeit der Letzten Fehde (1599) und hieß Maes Johan. Wir wissen von ihm durch das Brücheregister von 1560. Diesem ist zu entnehmen, dass er die Frau eines Hulcke Drees verunglimpft hatte und deshalb mit 5 Mark Strafe belegt wurde  (LAS AR S.-Dithm. 1560). Schon im nächsten Jahr fiel er wieder auf: "Maeß Johan heft Peters Harder unnd siner Suster Schaden gedan". Diesmal waren 2 Mark fällig (LAS AR S.-Dithm. 1561).

Ihm soll laut Johnsen (1961, S. 204) sein Sohn "Maß Johanns Hinrick" gefolgt sein. Im ersten Ackerschatzregister von 1561 findet man zwei Brüder namens "Maeß Johans Hinrick" und "Maeß Johans Peter" mit für die damalige Zeit beachtlichen Höfen. Es scheint also, dass die Müllerei in der Hand von unternehmerisch tätigen Bauern lag.

Um dieselbe Zeit lebte auf dem Ostermoor noch ein weiterer Müller, genannt "Jurgenß Harder Marten Moller". Auch sein Name ist durch das Brücheregister (1561) überliefert.



Zwei Windmühlen und viele Quernen
Die Nennung von zwei Müllern lässt die Existenz von mindestens zwei Windmühlen in der Bauerschaft Ostermoor vermuten. Von diesen wird eine 1671 das letzte Mal in den Amtsrechnungen aufgeführt – vielleicht brannte sie ab, oder sie rentierte sich nicht mehr und wurde deshalb abgebrochen.

1680 wurden im gesamten Kirchspiel Brunsbüttel auf vier Windmühlen und 11 Quernen (Handmühlen) Steuern erhoben (LAS AR S.-Dithm. 1680). Von den vier Windmühlen befand sich jeweils eine in Mühlenstraßen (Müller unbekannt) und in Ostermoor (Clauß Hanß), und zwei weitere standen in der Bauerschaft Brunsbüttel (Hinrich Ritscher und Matthies Rolffs).

Von den 11 Quernenmüllern waren mindestens sechs, nämlich Peterß Jacob, Johann Tiedemann, Wilken Sierichs, Holm Marten, Peter Kohlsaht und Raven Hanß, in Ostermoor sesshaft. Die große Zahl von Quernenmüllern in Ostermoor resultierte wahrscheinlich aus der Tatsache, dass kurz zuvor eine der beiden Ostermoorer Windmühlen eingegangen war.

Der Standort von einer der Ostermoorer Windmühlen des 17. Jahrhunderts ist relativ genau überliefert. Sie befand sich unweit des Landwegs in der Nähe des späteren Koogswegs. Lippert (1962) verortete sie am "Mohlendamm", einer (gedachten?) Fortsetzung des Koogswegs in Richtung Elbdeich. Wahrscheinlich wurde Lippert bei der Herstellung seiner historischen Karte des Kirchspiels von einer Skizze aus dem Jahre 1687 inspiriert (Abb. 1). Nach dieser befand sich die Mühle südlich und in einigem Abstand vom Landweg, dessen Verlauf durch die Lage der Wohnplätze angedeutet wird. Einer Karte von 1719/20  zufolge müsste sich die Mühle jedoch direkt am Landweg befunden haben (Abb. 2).  Auch in der Meier'schen Karte von 1648 ist die Mühle deutlich nördlich vom Fleth am Landweg liegend eingezeichnet (Abb. 4).

Die Standortfrage bleibt also vorerst ungeklärt. In diesem Zusammenhang möchte ich aber darauf hinweisen, dass noch in der Neuzeit ca. 80 m nördlich der Fährstraße,  zwischen dem Hinck'schen Hof und dem Koogsweg liegend, eine kleine unbebaute Erhöhung  zu erkennen war, zu der ursprünglich
ein Weg führte. Da Abb. 1 und 2 eine auf einer Wurt gelegene Mühle zeigen, könnte es sich bei den diesen Geländestrukturen um die Reste einer Mühlenwurt mit Zufahrt gehandelt haben.

Eine Notiz des Kremper Diakons Saucke liefert einen Hinweis auf den möglichen Name der Mühle. Saucke schrieb: "Anno 1684 sind ausgeteichet gegen Ostermühl 88 Morgen mit 10 heuser." (Detlefsen, 1892, S. 21). Detlefsen weist zu recht auf die Möglichkeit der Verwechslung von "Ostermühl" mit "Ostermoor" hin. Jedoch zeigt Abb. 1, dass die von Saucke angesprochenen Ausdeichungen in der Bauerschaft Ostermoor tatsächlich nahe der mutmaßlichen Ostermühl vorgenommen wurden. Die Mühle stand nach der Weihnachtsflut 1717 und der Eisflut von 1718 noch, wie Abb. 2 erkennen lässt. Sie wurde jedoch bald aufgegeben und auch nach der Wiedereindeichung der Bauerschaft im Jahre 1762 nicht wieder aufgebaut.


Abb. 1: Ausschnitt aus einer Skizze der 1687 geplanten Deichbauten. Sie zeigt den Soldatendeich, auf dem heute teilweise die Fährstraße verläuft ("neuer Hauptdeich anno 1687 gemacht")
sowie den alten ("alter Deich so nunmehr verlaßen") und neuen ("anno 1687 reparirt") Elbdeich. Südlich des Fleths ist  die Mühle zu erkennen.




Abb. 2: Die Bauerschaft Ostermoor auf einer Karte von 1719/20. Die Mühle und wenige Bauten im östlichen Teil der Bauerschaft haben die Weihnachtsflut
von 1717 und die Eisflut von 1718 überstanden. Dieser Karte zufolge dürfte die Mühle am Landweg gestanden haben.

Der Standort der zweiten Windmühle ist schwerer zu ermitteln. Ein groben Hinweis liefert die Seekarte von Janszoon Waghenaer von 1586 (Abb. 3). Der Ausschnitt zeigt das Elbufer vor Ostermoor und Brunsbüttel, wie es sich den Seefahrern präsentierte. Bei den beiden schematisch dargestellten Siedlungen am Elbufer handelt es sich um den Flecken Brunsbüttel und eine Ansammlung von Behausungen im Bereich der heutigen Ostertweute. Dazwischen sind drei Windmühlen zu erkennen. Die Karte bestätigt unsere oben geäußerte Vermutung, dass schon im 16. Jahrhundert zwei Windmühlen in der Bauerschaft Ostermoor betrieben wurden.

             

Abb. 3: Ausschnitt aus der Seekarte von Janszoon Waghenaer           Abb. 4: Ausschnitt aus der Karte von Meier aus dem Jahre 1648.
aus dem Jahre 1586. Süden ist unten.


Ich nehme an, dass die Standorte der Mühlen einigermaßen realitätsnah dargestellt sind, weil sich Mühlen gut zur Standortbestimmung von Schiffen eigneten. Im Einklang mit der Karte war der Elbdeich ursprünglich tatsächlich mit Bäumen bestanden. Dies beeinträchtigte natürlich die Deichsicherheit.
Unter dem Eindruck der Sturmflut vom 7. Oktober 1756 stehend wurden deshalb in der Wilstermarsch im Jahre 1757 alle Deichbäume abgeschlagen. Dies geschah im Sommer und nicht etwa nach der Obsternte im Herbst, was die armen Leute gegen die Obrigkeit aufbrachte (Jensen, 1913, S. 318).

Um einiges jünger als die Karte von Janszoon Waghenaar ist die von Meier (Abb. 4). Auch sie zeigt drei Mühlen zwischen dem Flecken Brunsbüttel und dem Holstengraben.

Bei der östlichsten Mühle handelt es sich sicher um die bereits oben erwähnte mutmaßliche Ostermühle, während die westlichste in der Bauerschaft Brunsbüttel stand. Sie soll sich laut zeitgenössischen Verträgen am Belmer Weg befunden haben (Petersen und Scherreicks, 2006, S. 51). Bei der mittleren Mühle wird es sich um die im späten 17. Jahrhundert verschwundene zweite Ostermoorer Mühle handeln. Nach der Meier'sche Karte waren die beiden Ostermoorer Mühlen nicht allzu weit von einander entfernt. Die Reihe von Häusern, in die die Mühlen eingegebettet sind, lässt vermuten, dass sich beide Mühlen am Landweg befanden.


Nach 1762
Nach der Wiedereindeichung des Ostermoorer Areals im Jahre 1762 wurden zunächst keine neuen Mühlen in Betrieb genommen. Bei den frühen Windmühlen handelte es sich um Bockwindmühlen, was insbesondere in Abb. 4 deutlich zu erkennen ist. Die erste Holländerwindmühle in Dithmarschen wurde 1710 in Schülp gebaut (Petersen und Scherreicks, 2006, S. 32). Dieser Mühlentyp war weitaus effizienter als die alten Bockwindmühlen, und so überrascht es nicht, dass die nächste Ostermoorer Windmühle ein Holländer war. Sie wurde im Jahre 1796 von meinem Vorfahren Hinrich Meinert auf dem Braakdeich zu Süden des Moorwegs gegenüber der Gaststätte Süel errichtet. Die Geschichte ihres Baus wurde von Hans-Peter Petersen erforscht und in der Brunsbüttelkooger Zeitung (Nr. 304, 31. Dezemeber 1973) veröffentlicht (siehe unten). Sie ist auch in der Mühlengeschichte Dithmarschensverfasst von Petersen und Scherreicks (2006), nachzulesen.

Kirchspielsvogt nannte das Kind beim Namen:

"Diese Müller haben sich ein Monopol fabricirt, bei dem sie fett werden"

Im Hause des kürzlich verstor­benen Gastwirtes Johannes Süel in Ostermoor hing jahrelang das Bild einer Windmühle, die einst dicht bei seinem Hause gestanden und seinem Großvater Johann Jacob Süel gehört hatte. Eine Vor­gängerin dieser Mühle fiel im Jah­re 1717 der verheerenden Sturm­flut zum Opfer; das gleiche Schick­sal erlitten auch die Mühlen in Averlak und Westerbüttel. Wäh­rend aber diese wieder neu ent­standen, fehlte es in Ostermoor, wo nur „kleine Leute" lebten, jahr­zehntelang an einem kapitalkräf­tigen und unternehmenden Man­ne, der eine neue Mühle hätte betreiben können.

Dieser fand sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Hinrich Mei­nert, Sohn des Peter Meinert. Aus kleinen Anfängen hatte er sich emporgearbeitet und besaß im Jahre 1786 nicht nur einen statt­lichen Hof, sondern auch eine Ziegelei. Sein Plan, außerdem eine Kornmühle anzulegen, sprach sich schnell in der Landschaft her­um und erregte in der Bauern­schaft Freude, bei den benach­barten Müllern dagegen Ärger und Furcht vor geschäftlichen Verlusten.

So kam es, daß Jochim Klun­ker, Pächter der königlichen Müh­le in Büttel, und die Eigentümer der Mühlen zu Westerbüttel (Ge­brüder Thomsen in Kattrepel und die Kirchspielsvögtin Piehl auf Josenburg), Averlak (Witwe Kra­mer) und Brunsbütteler Neuen­koogshafen (Jürgen Suhr) in ei­nem „allerunterthänigsten Ge­such" an den König ihre Befürch­tungen in den düsteren Farben schilderten und ihn baten, nicht nur den Mühlenbau vorläufig zu verbieten, sondern ihnen auch Meinerts Konzessionsgesuch zur Anmeldung ihrer Einwände vor­zulegen. Die Regierung forderte zunächst einen Bericht von dem Landvogt Boie an, der seinerseits ein Gutachten der Kirchspielsvögte Dührssen/Eddelak und Hedde/Brunsbüttel einholte.

(im Artikel ist an dieser Stelle ein Photo eines noch heute existenten Gemäldes der Mühle abgebildet - aus urheberrechtlichen Gründen lasse ich das Photo weg. Die zum Bild gehörende Legende lautet: "Foto re. Ostermoors Müh­le, wie sie noch auf einem Bild im Süelschen Hause in Ostermoor zu sehen ist. Sie fiel 1892 einem Scha­denfeuer zum Op­fer und wurde nicht wieder auf­gebaut. — Samm­lung Petersen").

Diese beiden weitblickenden Männer wiesen mit Nachdruck auf die landschaftlichen Privilegien hin, nach denen jeder Dithmarscher berechtigt war, eine Mühle zu bauen, während in den übri­gen Teilen der Herzogtümer nur mit landesherrlicher Genehmigung Mühlen erstellt werden durften. Dieses aus den Tagen der Freiheit herübergerettete Vorrecht der Dithmarscher wäre mittler­weile sowohl bei den Einwohnern als auch bei der Regierung in Ver­gessenheit geraten, so daß seit 1750 mehrere Interessenten ganz unnötigerweise Mühlenkonzessio­nen beantragt hätten; diese Ge­suche waren von der Regierung teils bewilligt, teils auf Einsprü­che der Konkurrenten hin verwei­gert worden.

„Wir müssen vielmehr mit Be­dauern bemerken", fuhren die Kirchspielvögte fort, „daß diese Gegend in der Nähe des so schönen und zur Ausfuhr bequem gelegenen Brunsbüttler Hafens noch so mühlenleer sey. Diese Gegend müßte voll Mühlen stehen, und sie wird es hoffentlich noch wer­den, wenn der jetzt entstehende Industriegeist der Dithmarscher nicht aus Habsucht einiger weni­ger Menschen im Keime erstickt wird. Immer noch führen wir un­sere Producte roh aus, und kau­fen sie um einen theuren Preiß veredelt wieder. Dahingegen bei mehrerer Industrie grade diese Gegend am Hafen der Markt für Hamburg seyn konnte, und wir unsere Producte um einen weit höheren Preis absetzen könnten. Gerade die geringe Anzahl der Mühlen in der erwähnten Gegend ist das Unglück des armen Mannes, denn der leidet fürchterlich, wenn nicht die Concurrenz von mehreren Mühlen den Mittelpreis erhalten wird. Die drei oder vier Müller werden sich unter der Hand bald um den Preis des Mah­lens einig. Sie saugen daher dem armen Arbeitsmann recht das Mark aus den Knochen, indem sie nicht einmal reine Ware liefern, sondern faules Mehl. Gersten­mehl und Bohnenmehl unter Weitzenmehl mischen, und doch ein paar Mark mehr für die Ton­ne nehmen, als der gängige Preis ist... Diese Müller haben sich da­her gewissermaßen ein Monopol fabriciert, bei dem sie sich so wohl befinden und fett werden, daß sie keinen neben sich dulden wollen." Die Kirchspielvögte rie­ten also, das Gesuch der Müller abzulehnen, worin sich ihnen in seinem Bericht der Landvogt Boie anschloß.

Seine feine Menschlich­keit bewies er in folgenden Wor­ten: „Das Dorf ist nach und nach wieder angebaut und gehört jetzt zu den von Käthenern und armen Leuten am meisten bevölkerten Dorfschaften der Landschaft. Warum sollten diese Leute nicht eine Mühle wieder haben, da sich dazu jetzt der unternehmende Mann, der sie bauen kann und will, findet? Und wenn diesem Mühlenbau auch alles entgegen­stünde, so wäre es, meines Bedünkens, menschenfreundlich, wenn man die Schwierigkeiten aus dem Wege räumte und dafür sorgte, daß diese arme, sehr menschenvolle Bauerschaft eine eige­ne Mühle erhielte."

Inzwischen hatte Meinert eine Konzession beantragt, die ihm am 29. 8. 1798 durch den Statthalter, Carl Prinz zu Hessen, gewährt wurde: „Auf ohnlängst gesche­hene Vorstellung und Bitte des Eingeseßenen Hinrich Meinert auf dem Ostermohr in Süderdithmarschen haben Se. Königl. Mayestät Allerhöchst resolvirt, daß dem Supplicanten erlaubt werden möge, daselbst auf dem Braakdeiche eine Windmühle mit einem Mehl- und Graupen-Gange zu erbauen."

Auf einem dreieckigen Landstück auf dem alten Deich, das er von David Nicolaus Gösert für 40 M erworben hatte, ließ Meinert das Gebäude (wohl eine Bock­mühle) aufführen. Schon bald überließ er sie seinem Sohn Peter, der aber bereits im Januar 1802 bei einer Versteigerung den Hof der Catharina Boie im Brunsbütteler Neuen Koog erwarb und zuerst die Landstelle in Oster­moor an Ties Tießen, die Mühle 1803 an Christian Hasselmann aus Krummendiek veräußerte. Einen Sohn Marx des neuen Besitzers erwähnen alte Akten 1806 als Pächter in St. Margarethen; 1831 starb er kinderlos als Besitzer der Mühle in Fedderingen. — Nach dem Tode des Christian Hassel­mann blieb seine Witwe Marga­retha geb. Strüfen Besitzerin, bis auch sie die Augen schloß (1838). Ihre Erbin Margrethe Haß geb. Hasselmann behielt das Anwesen acht Jahre lang und verkaufte es 1846 wiederum an eine Frau: Anna Catharina Süel geb. Ahn­feldt. Deren Ehemann Johann Jacob Süel, der Großvater des eingangs erwähnten Johannes Süel, stammte aus Westerbelm­husen und überlebte seine Frau, nach deren Tode (1859) er die Mühle erbte. Mit einer Thiessen-Tochter ging er eine zweite Ehe ein. Die ererbte Windmühle mit 18 Ruthen Freiland, einer Mehlkiste. Beutelkiste, Maßen und Gewichten verkaufte er 1862 an seinen Schwager Hinrich Boje, während er das Wohnhaus (das erst 1912 abgebrochen wurde) für sich behielt. Bojes Kinder blieben sämtlich ledig; zwei der Söhne betrieben gemeinschaftlich Mühlen in Westermenghusen und später Neuenkoogsdeich. — Ihr Vater ließ ein neues Müllerhaus errichten und ersetzte die alte Mühle durch einen Neubau, der über 2 Mehlgänge, einen Graupen­gang und eine Beutelkiste ver­fügte. Boje konnte sich wirt­schaftlich nicht halten. Die „Dithmarscher Blätter" veröffentlich­ten am 18. 12. 1871 folgende Be­kanntmachung: ,.Am Mittwoch, den 10. Januar 1872. vormittags 10 Uhr. Soll ... das zur Concursmasse des Müllers Hinrich Boie im Brunsbütteler Neuen Kooge gehörige Mühlengewese, beste­hend in einer vor circa 10 Jahren neu erbauten Windmühle mit al­lem Inventar und einem gleich­zeitig neu erbauten Wohnhause nebst reichlich 20 Quadratruthen Hof- und Gartenraum, im Hause des Kaufmanns Franz Thiessen auf Oestermoor durch das unter­zeichnete Gericht wiederum öf­fentlich meistbietend verkauft.

Bei dieser Auktion ersteigerte der Rentier Asmus Reimer Wil­helm Busch aus dem Kronprinzen­koog das Anwesen, das er nach einigen Jahren dem Müller Hin­rich Thormählen überließ.

Am 23. August 1892 herrschte eine so drückende Hitze, daß überall in der Südermarsch die Erntearbeiter schon kurz nach dem Mittagessen wieder nach Hause gingen, weil ihnen die Schwüle das Arbeiten unmöglich machte. Gegen acht Uhr abends brach ein schweres Gewitter aus, das an vielen Orten Schäden an­richtete. Ein Blitz traf die Oster­moorer Mühle und setzte sie in Brand. In kurzer Zeit stand das mächtige Gebäude in hellen Flam­men. Von den Flügeln riß der Sturm die glühenden Segel und schleuderte sie auf das Dach eines Nachbarhauses, das, wie die Müh­le, den Flammen zum Opfer fiel. Das Müllerhaus ließ der Brand unversehrt.

Auf einen Wiederaufbau seiner Mühle verzichtete Thormählen. Über die Gründe für seinen Ent­schluß berichtete zwei Jahre spä­ter Justizrat Hedde in einem Schreiben an die Regierung:

… Er hat die Mühle damals von Grund auf renoviert und durch Fleiß und Umsicht sich einen gro­ßen Kundenkreis erworben. Durch den erfolgten Bau des Nord-Ostsee-Kanals ist das ganz nahe an demselben belegene Mühlengewese des Antragstellers vollständig entwerthet worden. Nicht nur, daß ein erheblicher Landcomplex in unmittelbarer Nähe der Mühle, welches früher dem Kornbau diente, zum Kanalbau verwandt ist und um diese Anbaufläche seinen Mühlenrayon verringert; es ist ihm, was weit schlimmer, die beßere Hälfte seines Kunden­kreises durch den Kanal abge­schnitten worden. Die gesammte nördliche Seite des bewohntesten und reichsten Theils der Marsch, der früher auf den Gebrauch sei­ner Mühle angewiesen war, kann jetzt nur mit großer Unbequem­lichkeit und Zeitverlust über die Fähre bei Oestermoor zu seiner Mühle gelangen und zieht daher vor, die viel entfernteren Mühlen in Westerbüttel, Averlack und Eddelack zu benutzen, zumal die Wege durch den Lastbetrieb nach dem Kanal im Winter völlig un­fahrbar geworden waren. An­tragsteller, der stets mit einem Pferde seinen Betrieb besorgt hatte, mußte von der Zeit des Kanalbaues an drei Pferde für denselben halten ... Demnach liegt es auf der Hand, daß sein Mühlenbetrieb niemals die frü­here Höhe wird wieder erlangen können, nur ist ein Wiederaufbau der Mühle unrationell."

Ob der Antrag auf eine Ent­schädigung nach dem Enteig­nungsgesetz erfolgreich war. ist nicht bekannt. Thormählen blieb in Ostermoor und widmete sich der Bewirtschaftung seiner Län­dereien, um die er sein Mühlen­gewese nach und nach vergrößert hatte. Im Jahre 1912 trug man den Mühlenberg ab und entdeckte dabei altes Eichenholz, das wohl von der älteren Mühle stammte. Das Müllerhaus verfiel 1930 dem Abbruch.
Hans-Peter Petersen

Hier noch einige Anmerkungen: In der Dithmarscher Mühlengeschichte heißt es, dass die Meinert'sche Mühle der erste Hollander im Kirchspiel gewesen sei - die Mühle war entgegen Petersens ursprünglicher Annahme wohl doch keine Bockwindmühle. Die Mühle gelangte so schnell in den Besitz von Peter Meinert, weil dessen Vater Hinrich Meinert bereits am 14.2.1798 verstarb.


Die letzte Mühle
Die 1892 abgebrannte Mühle am Ostermoorweg wurde nicht wieder aufgebaut. Ein wichtiger Grund war sicherlich, wie oben von Justizrat Hedde dargelegt, der kurz zuvor fertig gestellte Kaiser-Wilhelm-Kanal, der die Mühle von ihren Kunden im Norden und Westen abschnitt. Aber auch im Osten waren Kunden verloren gegangen, nachdem 1854 im Altenkoog am Landweg eine neue Mühle namens "Themis"  in Betrieb genommen worden war (Petersen und Scherreicks, 2006, S. 56). Der Bauherr war der Müller Jürgen Dohrn aus Rumfleth. Die Mühle stand im Dithmarscher Teil des Altenkoogs, aber das Wohnhaus befand sich kurioserweise bereits im Kreis Steinburg. Der Nachfolger des Begründers war dessen Sohn Peter Hinrich Dohrn. Dieser war sehr rührig und unterhielt Geschäftsbeziehungen bis nach Finkenwerder. 1913 wurde eine Dampfmaschine als Hilfsantrieb installiert, 1919 die Inneneinrichtung der Mühle modernisiert. Dennoch war die Mühle nicht mehr zu halten. Als sie 1939/40 abgebrochen wurde, befand sie sich immer noch im Besitz der Familie Dohrn.



Literatur

Detlefsen S.D.F. (1892): Geschichte der Holsteinischen Elbmarschen. Zweiter Band. Von dem Übergange der Marschen an die Herzöge von Dänemark, 1460, bis zur Gegenwart. Glückstadt. Neudruck Kiel 1976, Verlag Bernd Schramm.

Jensen W. (1913): Chronik des Kirchspiels St. Margarethen. 2. Nachdruck, Auftraggeber Gemeinde St. Margarethen, 2003.

Johnsen, W (1961): Bauern, Handwerker, See­fahrer, Lebensbilder aus dem Kirchspiel Brunsbüttel und aus dem Lande Dithmarschen. Hrsg. Verein für Brunsbüttler Geschichte.

LAS: Landesarchiv Schleswig.

Lippert W.H. (1962)
: Anhang zum Artikel "Brunsbüttelkoog" von John Jacobsen. In: Dithmarschen, Heft 2, 42-44.

Petersen H.-P. und S. Scherreiks (2006): Mühlengeschichte Dithmarschens. Hrsg. Verein für Dithmarscher Landeskunde. Boyens, Heide.


Letzte substanzielle Änderung: 13.6.2011


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