Die Mühlengeschichte Ostermoors
Eine Mühle setzt den Anbau von Korn voraus. Dieser war nur möglich, wenn Deiche die Äcker im Frühjahr und Sommer vor Hochwasser schützten. Die Bauerschaft Ostermoor besaß demnach um 1300 Deiche.
Ihm soll laut Johnsen (1961, S. 204) sein Sohn "Maß Johanns Hinrick" gefolgt sein. Im ersten Ackerschatzregister von 1561 findet man zwei Brüder namens "Maeß Johans Hinrick" und "Maeß Johans Peter" mit für die damalige Zeit beachtlichen Höfen. Es scheint also, dass die Müllerei in der Hand von unternehmerisch tätigen Bauern lag.
Um dieselbe Zeit lebte auf dem Ostermoor noch ein weiterer Müller, genannt "Jurgenß Harder Marten Moller". Auch sein Name ist durch das Brücheregister (1561) überliefert.
1680 wurden im gesamten Kirchspiel Brunsbüttel auf vier Windmühlen und 11 Quernen (Handmühlen) Steuern erhoben (LAS AR S.-Dithm. 1680). Von den vier Windmühlen befand sich jeweils eine in Mühlenstraßen (Müller unbekannt) und in Ostermoor (Clauß Hanß), und zwei weitere standen in der Bauerschaft Brunsbüttel (Hinrich Ritscher und Matthies Rolffs).
Von den 11 Quernenmüllern waren mindestens sechs, nämlich Peterß Jacob, Johann Tiedemann, Wilken Sierichs, Holm Marten, Peter Kohlsaht und Raven Hanß, in Ostermoor sesshaft. Die große Zahl von Quernenmüllern in Ostermoor resultierte wahrscheinlich aus der Tatsache, dass kurz zuvor eine der beiden Ostermoorer Windmühlen eingegangen war.


Der Standort der zweiten Windmühle ist schwerer
zu ermitteln. Ein groben Hinweis liefert die Seekarte von Janszoon
Waghenaer von 1586 (Abb. 3). Der Ausschnitt zeigt das Elbufer vor
Ostermoor und Brunsbüttel, wie es sich den Seefahrern präsentierte. Bei
den beiden schematisch
dargestellten Siedlungen am Elbufer handelt es sich um den Flecken
Brunsbüttel und eine
Ansammlung von Behausungen im Bereich der heutigen Ostertweute.
Dazwischen sind
drei Windmühlen zu erkennen. Die Karte bestätigt unsere oben geäußerte
Vermutung, dass schon im 16. Jahrhundert zwei Windmühlen in der Bauerschaft
Ostermoor betrieben wurden.
Abb. 3: Ausschnitt aus der Seekarte von Janszoon
Waghenaer
Abb. 4: Ausschnitt aus der Karte von Meier aus dem Jahre 1648.
aus dem Jahre 1586. Süden ist unten.
Ich nehme an, dass die Standorte der Mühlen
einigermaßen realitätsnah dargestellt sind, weil sich Mühlen gut zur
Standortbestimmung von Schiffen
eigneten. Im Einklang mit der Karte war der Elbdeich ursprünglich
tatsächlich mit Bäumen bestanden. Dies beeinträchtigte natürlich die
Deichsicherheit. Unter dem Eindruck der
Sturmflut vom 7. Oktober 1756 stehend wurden deshalb in der Wilstermarsch im Jahre 1757 alle Deichbäume
abgeschlagen. Dies geschah im Sommer und nicht etwa nach der Obsternte
im Herbst, was die armen Leute gegen die Obrigkeit aufbrachte (Jensen,
1913, S. 318).
Um einiges jünger als die Karte von Janszoon Waghenaar
ist die von Meier (Abb. 4). Auch sie zeigt drei Mühlen zwischen dem
Flecken Brunsbüttel und dem Holstengraben.
Bei der östlichsten Mühle handelt es sich sicher um die bereits oben erwähnte mutmaßliche Ostermühle, während die westlichste in der Bauerschaft Brunsbüttel stand. Sie soll sich laut zeitgenössischen Verträgen am Belmer Weg befunden haben (Petersen und Scherreicks, 2006, S. 51). Bei der mittleren Mühle wird es sich um die im späten 17. Jahrhundert verschwundene zweite Ostermoorer Mühle handeln. Nach der Meier'sche Karte waren die beiden Ostermoorer Mühlen nicht allzu weit von einander entfernt. Die Reihe von Häusern, in die die Mühlen eingegebettet sind, lässt vermuten, dass sich beide Mühlen am Landweg befanden.
Kirchspielsvogt
nannte das Kind beim Namen:
"Diese
Müller haben sich ein Monopol fabricirt, bei dem sie fett werden"
Im
Hause des kürzlich
verstorbenen Gastwirtes Johannes Süel in Ostermoor hing jahrelang das
Bild
einer Windmühle, die einst dicht bei seinem Hause gestanden und seinem
Großvater Johann Jacob Süel gehört hatte. Eine Vorgängerin dieser
Mühle fiel
im Jahre 1717 der verheerenden Sturmflut zum Opfer; das gleiche
Schicksal
erlitten auch die Mühlen in Averlak und Westerbüttel. Während aber
diese
wieder neu entstanden, fehlte es in Ostermoor, wo nur „kleine Leute"
lebten, jahrzehntelang an einem kapitalkräftigen und unternehmenden
Manne,
der eine neue Mühle hätte betreiben können.
Dieser
fand sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Hinrich
Meinert, Sohn des Peter Meinert. Aus kleinen Anfängen hatte er sich
emporgearbeitet und besaß im Jahre
1786 nicht nur einen
stattlichen Hof, sondern auch eine Ziegelei. Sein Plan, außerdem eine
Kornmühle anzulegen, sprach sich schnell in der Landschaft herum und
erregte
in der Bauernschaft Freude, bei den benachbarten Müllern dagegen Ärger
und
Furcht vor geschäftlichen
Verlusten.
So kam es, daß Jochim
Klunker, Pächter der
königlichen Mühle in Büttel, und
die
Eigentümer der Mühlen zu
Westerbüttel (Gebrüder Thomsen in Kattrepel und die
Kirchspielsvögtin Piehl auf
Josenburg), Averlak (Witwe Kramer) und Brunsbütteler Neuenkoogshafen
(Jürgen
Suhr) in einem „allerunterthänigsten
Gesuch"
an den König ihre Befürchtungen in den düsteren Farben schilderten und
ihn
baten, nicht nur den Mühlenbau
vorläufig zu verbieten,
sondern ihnen auch Meinerts Konzessionsgesuch
zur
Anmeldung ihrer
Einwände vorzulegen. Die Regierung forderte zunächst einen Bericht von
dem
Landvogt Boie an, der seinerseits ein Gutachten der Kirchspielsvögte
Dührssen/Eddelak und Hedde/Brunsbüttel
einholte.
„Wir müssen
vielmehr mit Bedauern bemerken",
fuhren die Kirchspielvögte fort, „daß diese Gegend in der Nähe des so
schönen
und zur Ausfuhr bequem gelegenen
Brunsbüttler Hafens
noch so mühlenleer sey. Diese Gegend müßte voll Mühlen stehen, und sie
wird es
hoffentlich noch werden, wenn der jetzt entstehende Industriegeist der
Dithmarscher nicht aus Habsucht einiger weniger Menschen im Keime
erstickt
wird. Immer noch führen wir unsere Producte roh aus, und kaufen sie
um einen
theuren Preiß veredelt wieder. Dahingegen bei mehrerer Industrie grade
diese
Gegend am Hafen der Markt für Hamburg seyn konnte, und wir unsere
Producte um einen weit
höheren Preis absetzen könnten. Gerade die geringe Anzahl der Mühlen in
der
erwähnten Gegend ist das Unglück des armen Mannes,
denn
der leidet
fürchterlich, wenn nicht die Concurrenz von mehreren Mühlen den
Mittelpreis
erhalten wird. Die drei oder vier Müller werden sich unter der Hand
bald um den
Preis des Mahlens einig. Sie saugen daher dem armen Arbeitsmann recht
das Mark
aus den Knochen, indem sie nicht einmal reine Ware liefern, sondern
faules
Mehl. Gerstenmehl und Bohnenmehl unter Weitzenmehl mischen, und doch
ein paar
Mark mehr für die Tonne nehmen, als der gängige Preis ist... Diese
Müller
haben sich daher gewissermaßen ein Monopol fabriciert, bei dem sie
sich so
wohl befinden und fett werden, daß sie keinen neben sich dulden
wollen."
Die Kirchspielvögte rieten also, das Gesuch der Müller abzulehnen,
worin sich
ihnen in seinem Bericht der Landvogt Boie anschloß.
Seine feine
Menschlichkeit bewies er in folgenden
Worten: „Das Dorf ist nach und nach wieder angebaut und gehört jetzt zu den von
Käthenern und armen
Leuten am meisten
bevölkerten Dorfschaften der Landschaft.
Warum sollten diese Leute nicht eine Mühle wieder haben, da sich dazu
jetzt der
unternehmende Mann, der sie bauen kann und will, findet? Und wenn
diesem
Mühlenbau auch alles entgegenstünde, so wäre es, meines Bedünkens,
menschenfreundlich, wenn man die Schwierigkeiten aus dem Wege räumte
und dafür
sorgte, daß diese arme, sehr menschenvolle Bauerschaft eine eigene
Mühle
erhielte."
Inzwischen
hatte Meinert eine Konzession beantragt,
die ihm am 29. 8. 1798 durch den Statthalter, Carl Prinz zu Hessen,
gewährt
wurde: „Auf ohnlängst geschehene Vorstellung und Bitte des
Eingeseßenen
Hinrich Meinert auf dem Ostermohr in Süderdithmarschen haben Se.
Königl.
Mayestät Allerhöchst resolvirt, daß dem Supplicanten
erlaubt werden möge,
daselbst auf dem Braakdeiche eine Windmühle mit einem Mehl- und
Graupen-Gange
zu erbauen."
Auf
einem
dreieckigen Landstück
auf dem alten Deich, das er von David Nicolaus Gösert für 40 M erworben
hatte,
ließ Meinert das Gebäude (wohl eine Bockmühle) aufführen. Schon bald
überließ
er sie seinem Sohn Peter, der aber bereits im Januar 1802 bei einer
Versteigerung
den Hof der Catharina Boie im Brunsbütteler Neuen Koog erwarb und
zuerst die
Landstelle in Ostermoor an Ties Tießen, die Mühle 1803 an Christian
Hasselmann
aus Krummendiek veräußerte. Einen Sohn Marx des neuen Besitzers
erwähnen alte
Akten 1806 als Pächter in St. Margarethen; 1831 starb er kinderlos als
Besitzer
der Mühle in Fedderingen. — Nach dem Tode des Christian Hasselmann
blieb seine
Witwe Margaretha geb. Strüfen Besitzerin, bis auch sie die Augen
schloß
(1838). Ihre Erbin Margrethe Haß geb. Hasselmann behielt das Anwesen
acht Jahre
lang und verkaufte es 1846 wiederum an eine Frau: Anna Catharina Süel
geb. Ahnfeldt.
Deren Ehemann Johann Jacob Süel, der Großvater des eingangs erwähnten
Johannes
Süel, stammte aus Westerbelmhusen und überlebte seine Frau, nach deren
Tode
(1859) er die Mühle erbte. Mit einer Thiessen-Tochter ging er eine
zweite Ehe
ein. Die ererbte Windmühle mit 18 Ruthen Freiland, einer Mehlkiste.
Beutelkiste, Maßen und Gewichten verkaufte er 1862 an seinen Schwager
Hinrich
Boje, während er das Wohnhaus (das erst 1912 abgebrochen wurde) für
sich
behielt. Bojes Kinder blieben sämtlich ledig; zwei der Söhne betrieben
gemeinschaftlich Mühlen in Westermenghusen und später Neuenkoogsdeich.
— Ihr
Vater ließ ein neues Müllerhaus errichten und ersetzte die alte Mühle
durch
einen Neubau, der über 2 Mehlgänge, einen Graupengang und eine
Beutelkiste verfügte.
Boje konnte sich wirtschaftlich nicht halten. Die „Dithmarscher
Blätter"
veröffentlichten am 18. 12. 1871 folgende Bekanntmachung: ,.Am
Mittwoch, den
10. Januar 1872. vormittags 10 Uhr. Soll ... das zur Concursmasse des
Müllers
Hinrich Boie im Brunsbütteler Neuen Kooge gehörige Mühlengewese,
bestehend in
einer vor circa 10 Jahren neu erbauten Windmühle mit allem
Inventar und einem gleichzeitig
neu erbauten Wohnhause nebst reichlich 20 Quadratruthen Hof- und
Gartenraum, im
Hause des Kaufmanns Franz Thiessen auf Oestermoor durch das
unterzeichnete
Gericht wiederum öffentlich meistbietend verkauft.
Bei
dieser
Auktion ersteigerte der
Rentier Asmus Reimer Wilhelm Busch aus dem Kronprinzenkoog das
Anwesen, das
er nach einigen Jahren dem Müller Hinrich Thormählen überließ.
Am 23.
August 1892 herrschte eine so drückende
Hitze, daß überall in der Südermarsch die Erntearbeiter schon kurz nach
dem
Mittagessen wieder nach Hause gingen, weil ihnen die Schwüle das
Arbeiten
unmöglich machte. Gegen acht Uhr abends brach ein schweres Gewitter
aus, das an
vielen Orten Schäden anrichtete. Ein Blitz traf die Ostermoorer Mühle
und
setzte sie in Brand. In kurzer Zeit stand das mächtige Gebäude in
hellen Flammen.
Von den Flügeln riß der Sturm die glühenden Segel und schleuderte sie
auf das
Dach eines Nachbarhauses, das, wie die Mühle,
den
Flammen zum Opfer fiel. Das Müllerhaus ließ
der Brand unversehrt.
Auf
einen
Wiederaufbau seiner
Mühle verzichtete Thormählen. Über die Gründe für seinen Entschluß
berichtete
zwei Jahre später Justizrat Hedde in einem Schreiben an die Regierung:
… Er
hat
die Mühle damals von
Grund auf renoviert und durch Fleiß und Umsicht sich einen großen
Kundenkreis
erworben. Durch den erfolgten Bau des Nord-Ostsee-Kanals ist das ganz
nahe an
demselben belegene Mühlengewese des Antragstellers vollständig
entwerthet
worden. Nicht nur, daß ein erheblicher Landcomplex in unmittelbarer
Nähe der
Mühle, welches früher dem Kornbau diente, zum Kanalbau verwandt ist und
um
diese Anbaufläche seinen Mühlenrayon verringert; es ist ihm, was weit
schlimmer, die beßere Hälfte seines Kundenkreises durch den Kanal
abgeschnitten
worden. Die gesammte nördliche Seite des bewohntesten und reichsten
Theils der
Marsch, der früher
auf
den Gebrauch seiner Mühle angewiesen
war, kann jetzt nur mit großer Unbequemlichkeit und Zeitverlust über
die Fähre
bei Oestermoor zu seiner Mühle gelangen und zieht daher vor, die viel
entfernteren Mühlen in
Westerbüttel, Averlack und Eddelack zu benutzen, zumal die Wege durch
den
Lastbetrieb nach dem Kanal im Winter völlig unfahrbar geworden waren.
Antragsteller,
der stets mit einem Pferde seinen Betrieb besorgt hatte, mußte von der
Zeit des
Kanalbaues an drei Pferde für denselben halten ... Demnach liegt es auf
der
Hand, daß sein Mühlenbetrieb niemals die frühere Höhe wird wieder
erlangen
können, nur ist ein Wiederaufbau der Mühle unrationell."