Im hohen Mittelalter
gingen Leute aus dem Kirchspiel
Brunsbüttel zum Leidwesen der Kaufleute gerne einer Tätigkeit nach, die
wir heute als Seeräuberei bezeichnen. Bei der
moralischen Bewertung der Beraubung von Schiffen durch die damaligen
Küstenbewohner sollte man aber berücksichtigen, dass es seinerzeit noch
keinen Länderfinanzausgleich und keine Förderprogramme für ländliche
Räume
gab ... also nahm man die Sozialtransfers in die
eigene Hand.
Am 30. März des Jahres
1316 wurde zwischen der Stadt Hamburg und einigen Dithmarscher
Geschlechtern
ein Vertrag
über die Sicherheit der Kaufleute auf der Elbe geschlossen.
Hier also die Geschlechter und ihre Mitglieder mit
einigen Anmerkungen (ich folge hier dem von Hasse, 1896, präsentierten Urkundentext):
Ezinghemanni
(Ezinghemannen)
Vos filius
Scarlaken (Vos, Sohn des Scarlaken)
Hammo
Steueghehillensone (heißt wohl "Steneghehillen")
Petrus Nacken (tot, "bei der Kogge gefallen")
Zertzinghemanni
(Zertzingmannen)
Johannes
filius Ywani Hibbensone (Johannes, der Sohn des Ywan Hibbensone)
Ywan (Hibbensone) (vermutlich tot)
Vokenmanni
(Vokemannen)
Henricus
Vokensone
Herderus
(Herder, Sohn des Henricus Vokensone)
Bojo filius
frederici (Bojo, Sohn des Friedrich)
Hannebole
et frater ejus Johannes (Hannebole und desses Bruder)
Johannes Lalle et frater ejus (Johannes Lalle und dessen Bruder)
Ecghehardo
Vokensone (vermutlich tot)
Manekino (vermutlich tot)
Amitzemanni
(Amitzemannen)
Iohannes
Pram
Volo
Fresensone (wird wohl Voko Fresensone heißen)
Reymarus
Tule
Otto
Boyensone
Thedo
filius Nycolai Ameken (Thedo, Sohn des Nycolaus Ameken)
Mane
Stukensone
Ameke Mule
Spituul
Knechteke (wahrscheinlich "Spitmul")
Bruninghus
filius Johannis Emmensone (Bruningh, Sohn des Johannes Emmensone)
Stelling
frater Jungheren (Stelling, Bruder des Jungheren, siehe Edo Juncheren)
Nycolaus
Amekini (vermutlich tot)
Nycolaus
Emmensone (vermutlich tot)
Edo
Juncheren (vermutlich tot)
Nanno
Wedelen (vermutlich tot)
Neben diesem Vertrag
aus dem Jahre 1316 liegen zwei
Urkunden aus dem Jahre
1308 vor, in denen es ebenfalls um einen Friedensschluss zwischen
Seeräubern aus dem Kirchspiel Brunsbüttel und der Stadt Hamburg geht.
In einer dieser Urkunden (Version A) werden die Namen von Mitgliedern
von zwei Seeräuber-Geschlechtern, den Ameringemannen und Edigmannen (in
der Version B heißen diese Amitzemannen und Stukenedenmannen), und
deren Mitgliedern aufgeführt:
Ameringemannen
und Edigmannen
Claus Amickensone (= Nycolaus
Ameken, der Vater von Thedo)
Henneke Fresensone
Nicolaus Ommensone (= Nycolaus
Emmenson)
Herdig Grote Mertin Sone
sein Bruder Siric
Mane Stuken Sone
sein Bruder Williken
Ede Iungher (= Edo Juncheren)
sein Bruder Williken
Boleke Hoyke
sein Bruder Ote (= ev. Otto
Boyensone)
Iohannes Pram
Ameke Mul (= Ameke Mule)
Rode Ameke
Nanne Wedele (= Nanno Wedelen)
Henneke Boke
Henneke Titenannensone
Herder Knechteken
Die auch im Vertrag
von 1316 erwähnten Männer sind
rot geschrieben. Dort findet man unter den Amitzemannen auch noch einen
weiteren Fresensone (Voke) und einen Knechteke (Spituul). Es besteht
also kein Zweifel, dass Ameringemannen und Amitzemannen identisch sind.
Neben den Amitzemannen und Stukenedenmannen werden
in der
Urkunde
von 1308 (Version B) noch die Geschlechter der Wanekemannen und
Todenmannen genannt.
In einer Urkunde von 1286 erklärt das Kirchspiel
Brunsbüttel dem Erzbischof Giselbert von Bremen, dem Rat zu Hamburg und
anderen, dass die Geschlechter des Kirchspiels zukünftig keine
Kaufleute mehr berauben werden. Namentlich genannt werden dort die
Vokenmannen, Syrsingemannen, Oedesmannen und Bolinghemannen (Michelsen,
1834).
Wo genau
mögen die im Vertrag
von 1316 erwähnten Herren gelebt haben?
Das waren wohl Ostermoorer! Wir haben eine
Auflistung von Ostermoorer Bürgern aus
dem
Jahre 1316 vor uns.
Um 1960
wurde Kartenmaterial entdeckt, aus dem sich die alten Namen der
Feldmarken im
Kirchspiel Brunsbüttel entnehmen ließen. Der unten gezeigte Ausschnitt
aus
einer Karte, die W. H. Lippert auf der Basis dieses Fundes erstellte,
zeigt die Ostermoorer Feldmark um 1600 (Lippert, 1962).

Unter den oben
aufgeführten Ezinghemannen befand sich ein gewisser
"Vos, Sohn des
Scarlaken". Der Scarlak wurde sicher wegen seiner scharlachroten
Haare so genannt - oder er entstammte einem Geschlecht, dessen
Begründer durch ebensolche Haare auffiel. Zu dieser Deutung passt der
Name seines Sohnes, nämlich Vos, das niederdeutsche Wort für Fuchs,
jedenfalls allerbestens. Der einstige
Wohnort der "Scharlaken" findet
sich
interessanterweise ebenfalls auf
der Karte - es handelt sich um die Scharlaken-Feldmark zwischen dem
Mohlendamm und der Westertweute!
Die westlich von der
Ostertweute lokaliserten "Sarsen" führten sich
vielleicht auf einen "Sahr" (Szar, Szager) zurück. Oder sie erhielten
ihren Namen (=
Sarazenen?) aufgrund
ihrer dunklen
Haut .
Lippert setzte die Sarsen mit dem in der Urkunde von 1286 erwähnten
Geschlecht der "Syrsinghe" (= Syrer?; Sahrslinge?) gleich.
Wie Lippert (1962)
vermute ich, dass die Bolinghemannen aus dem Dokument von 1286
im heutigen Belmhusen ansässig waren. Die Oedesmannen gaben
möglicherweise Oldeburwörden, auf der Karte Olbarwurden genannt, ihren
Namen.
Zitierte Literatur
Bolten, J.A.
(1782): Ditmarsische Geschichte. Zweiter Theil. Flensburg und
Leipzig, Kortens
Buchhandlung. Unveränderter Nachdruck 1969, Verlag Schuster, Leer.
Hübbe, U.
(1828): Verhältnisse der Dithmarschen mit den Hamburgern, vom
Jahre Christi
1265 bis 1316. Aus Urkunden. In: Neocorus (1598): Dithmersche
historische Geschichte. Hrsg. von F. C. Dahlmann im Jahre 1828, Ausgabe
von 1904, Heider Anzeiger, Heide, Seite 555-579.
Letzte Änderung: 5.10.2010